Warum wir über Elternschaft sprechen müssen, ohne Kinder zur Last zu erklären
Der Sager von AK-Präsidentin Renate Anderl ist für mich wirklich unfassbar!
„Jeder, der Kinder hat, weiß ganz genau, dass es in Wirklichkeit eine
Hundsarbeit ist, eine wirklich anstrengende Arbeit ohne Bezahlung.“
Anderl fügte danach zwar hinzu, dass es auch „eine schöne Arbeit“ sei. Trotzdem blieb ich bei einem Wort hängen:
„Hundsarbeit.“
Mir sind sofort einige meiner Klientinnen „erschienen“ die als Kinder genau so gesehen wurden. Für manche mag das Wort egal sein, aber das ist es definitiv nicht.
Um aber darüber zu sprechen, sollte man sich mal zuerst ansehen was heißt das überhaupt.
Definition:sehr schwere, unangenehme Arbeit, große Anstrengung
(https://www.dwds.de/wb/Hundearbeit)
Wenn du das liest, was löst das in dir aus aus?
Bei mir löst es:
-Unlust aus
-Stress Reaktionen
-Demotivation
-Vermeidung
-Frust
-Erschöpfung
-Weniger Kommunikation
-weniger Kooperation
Jetzt mag das nicht bei jedem Menschen gleich sein, aber wir können uns darauf einigen, dass es sicher nicht überschwängliche, euphorische, kraftgebend oder erholsam anfühlt oder?
Daher frage ich mich ernsthaft:
Wie wenig Gespür hat Frau Anderl eigentlich dafür entwickelt, was Menschen hören können, wenn wir so über Elternschaft sprechen?
Bevor mir jetzt jemand unterstellt, ich würde Elternschaft kleinreden: Nein. Ganz im Gegenteil.
Kinder zu begleiten, zu versorgen und großzuziehen kann körperlich, emotional und organisatorisch enorm fordernd sein. Eltern brauchen Unterstützung, Entlastung und gesellschaftliche Anerkennung. Die Lücke die entstanden ist dadurch dass Familien nicht mehr in der Großfamilie leben und mit einer großer Erwerbstätigkeit von Müttern ist nicht geschlossen worden und kann auch nie durch Fremdbetreuung geschlossen werden. Aber darum geht es heute nicht!
Aber es darf nicht bedeuten, dass wir aus dem Blick verlieren, über wen wir dabei sprechen.
Über Kinder! Über Menschen!
Und deshalb trifft mich diese Wortwahl sehr.
Weil ich all meine Klientinnen vor mir sitzen sehe bei solchen Worten.
Denn Kinder hören das und es lesen auch Erwachsene die solche Aussagen, in ihrer Kindheit gehört haben oder zu fühlen bekommen haben.
Botschaften wie diese:
Du bist anstrengend.
Du machst Arbeit.
Du kostest mich Zeit.
Wegen dir muss ich verzichten.
Deine Bedürfnisse sind zu viel.
Du bist eine Belastung.
Wegen dir kann ich dies und jenes nicht machen.
Du brauchst zu viel…..
Sie haben jeden Tag von ihren Eltern oder auch nur einem Elternteil jeden Tag gespürt, dass ihre Bedürfnisse zu viel waren, dass ihre Eltern ihretwegen verzichten mussten oder dass ihre bloße Anwesenheit Belastung bedeutete. Dass es ihre Schuld war, warum die Eltern in so einer Situation waren.
Und manche dieser Kinder sind heute 30, 40, 50 oder 60 Jahre alt und arbeiten noch immer an diesen Tiefen Überzeugungen oder Glaubenssätzen wie zum Beispiel:
Ich bin eine Last.
Meine Bedürfnisse sind zu viel.
Ich darf anderen nicht zur Last fallen.
Ich muss etwas leisten, um Zuwendung zu verdienen.
Wenn ich ich klein mache, sind andere Glücklicher.
etc.
Das zeigt sich dann in Partnerschaften, Elternschaft, im Job, und anderen Bereichen.
Natürlich wäre es wissenschaftlich falsch zu behaupten, dass ein einziger Satz, und 1x gehört dies ein Kind zu 100% prägt oder ein bestimmtes Selbstbild verursacht. So einfach funktioniert Entwicklung natürlich nicht.
Was wir aber sehr wohl aus der Forschung wissen: Kindliche Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen, einschließlich emotionaler Formen, sind mit späteren psychischen Belastungen assoziiert. Und je öfter man das hört und erlebt und je weniger positive Erlebnisse man hat desto mehr prägt es einem. Noch dazu wenn man klein ist und noch nicht „Ressourcen“ hat auf die man zurück greifen kann.
Darum geht es mir.
Ich frage mich auch was für ein Menschenbild darin mitschwingt, wenn man so etwas sagt.
Kinder entscheiden nicht, geboren zu werden.
Sie kommen in diese Welt und sind darauf angewiesen, dass Erwachsene sie versorgen, schützen, regulieren, begleiten und lieben.
Sie schulden uns dafür nichts!
Keine Dankbarkeit, keine Anpassung, Wohlverhalten. Oder was auch immer von so manchen gefordert wird.
Und auch keine Rückzahlung für die Zeit, die Kraft oder das Geld, das wir für sie aufgewendet haben.
Elterliche Fürsorge darf für Erwachsene hoch anstrengend sein. Sie darf einen an Grenzen bringen. Man darf erschöpft sein. Man darf über sich hinauswachsen und sich persönlich (ent)wickeln. Man darf sich Hilfe wünschen. Man darf auch sagen: Ich kann gerade nicht mehr.
Es geht nciht darum sich völlig aufzugeben!
Aber daraus darf für ein Kind nicht die Botschaft werden:
Deine Existenz macht mein Leben schlechter. Du bist die Arbeit, die ich ertragen muss.
Und genau deshalb wünsche ich mir gerade von Menschen in öffentlichen Funktionen wie Frau Anderl aber auch den ganzen Medien, die in keinem Wort Anderls Sager Kritisieren. (Recherchestand 9.8.2026, 11:00) Mehr Sensibilität dafür, wie wir über Kinder und Elternschaft sprechen.
Natürlich war Anderls Sager die Antwort auf Bundeskanzler Stockers unglückliche Aussage bezogen.
„Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen, sage ich Ihnen ganz ehrlich.“
Er hat sich dann darauf entschuldigt, bei den Menschen die sich verletzt fühlten oder sich nicht wertgeschätzt fühlten. Ich muss dazu sagen, dass ich mich nicht dazu zähle, denn bei mir kam die Aussage ganz anders an als bei anderen.
Er sagte nehmlich auch Familie dürfe für ihn nicht als „Business Case“ oder „Rechenbeispiel“ betrachtet werden. Familie bedeute Verantwortung füreinander, „Ja“ zueinander zu sagen und auch etwas füreinander zu tun, ohne dafür etwas zu bekommen.
Und diesem Grundgedanken kann ich sehr wohl etwas abgewinnen.
Ich denke, dass nicht alle seine Aussage richtig interpretieret haben, oder vielleicht interpretiere ich sie so wie ich es eben durch meine Arbeit und Mutter sein gerne verstehen will. Das kann natürlich auch sein.
Für mich liegt der Gedanken dahinter:
Dass Beziehung nicht zu einer ökonomischen Transaktion werden darf. Dass ein Kind zu haben auch etwas Aussöhnung bringen kann. Dass wenn man jemanden liebt oder geliebt wird ohne Erwartungen, dies einfach unglaublich ist. Auch die tiefe Verbindung zwischen Mutter und Kind, gerade wenn sie noch sehr klein sind und viel Körperkontakt herrscht und nonverbale Kommunikation hauptsächlich stattfindet. 💖
Ja man ist auch erschöpft und braucht Pausen. Ja man mag nicht 100x am Tag das gleiche Lied singen, immer das gleiche Spiel spielen. Ja als Eltern kann man Grenzen setzen und sollte es auch!
Sie muss gesellschaftlich sichtbar gemacht und politisch besser unterstützt werden. Auslagern ist jedoch nicht das Gleiche als wenn Eltern mit ihren Kindern zeit verbringen!
Aber wenn wir uns diese Fragen stellen:
Wie viele Stunden habe ich investiert?
Was hat es mich gekostet?
Was bekomme ich dafür zurück?
Fürsorge innerhalb einer Beziehung hat einen anderen Charakter als Erwerbsarbeit. Das bedeutet nicht, dass sie weniger wert ist. Es bedeutet auch nicht, dass Eltern keine strukturelle oder finanzielle Unterstützung verdienen.
Es bedeutet nur, dass das Kind nicht der Schuldner dieser Leistung ist!!!!!!!!
Und genau deshalb irritiert mich die Reaktion auf Stocker.
Denn völlig zu Recht wurde darauf hingewiesen, dass sein Satz Erwachsene verletzen kann, die jeden Tag enorme viel leisten und sich durch seine Worte nicht gesehen oder nicht wertgeschätzt fühlten.
Aber keiner fordert die gleichen empathischen Maßstäbe für Kinder! Das frage ich mich wirklich….. Wie viel muss die Gesellschaft sich eigentlich noch weiter entwickeln. Denn Kinderrechte und deren Bedürfnisse stehen in der Industrialisierten Welt wirklich an allerletzer Stelle.
Ich will auch noch kurz aufklären darüber dass Kinder und Erwachsene solche Botschaften nicht gleich hören.
Aber entwicklungspsychologisch befinden sich Erwachsene und Kinder trotzdem nicht auf derselben Ausgangsbasis.
Ein erwachsener Mensch hat typischerweise mehr Lebenserfahrung, mehr sprachliche und kognitive Möglichkeiten zur Einordnung, mehr Vergleichserfahrungen und zumindest potenziell mehr Möglichkeiten, Distanz herzustellen, sich Unterstützung zu holen oder eine fremde Aussage zurückzuweisen.
Er liest dann 10 Artikel der sich über Stocker aufregt und ihm/ihr Bestätigung gibt. Das haben Kinder alles nicht.
Vor allem aber baut ein Kind erst ein Bild davon auf:
Wer bin ich?
Bin ich willkommen?
Sind meine Bedürfnisse in Ordnung?
Darf ich Hilfe brauchen?
Was passiert, wenn ich jemanden brauche?
Bin ich liebenswert, auch wenn ich nichts leiste?
Ein Kind kann noch nicht die Distanz entwickeln um zu sagen:
Das ist die Überforderung meiner Mutter oder meines Vaters. Das sagt nichts über meinen Wert als Mensch aus.
Es fehlt Kindern auch an Referenzpunkten um Dinge einzuordnen. Zum Beispiel:
Ich habe schon Konflikte erlebt.
Ich habe schon Ablehnung überstanden und sie ist nicht Lebensbedrohlich.
Ich kenne Menschen, die mich anders sehen.
Ich weiß, dass eine Aussage eines anderen Menschen nicht definiert, wer ich bin.
Ich kann widersprechen.
Ich kann gehen.
Ich kann mir Hilfe holen.
Die Menschen, an denen sie sich orientiert, sind ausgerechnet jene Menschen, von denen sie abhängig sind.
Und darum finde ich den aktuellen Diskurs so bemerkenswert:
Über Stocker wird geschimpft und alle kritisieren ihn, aber über Anderl regt sich niemand auf!
Ich verstehe es wirklich nicht. Eigentlich müsste sich jede Kinderlobby aufregen. Alle die meinen sie stehen hinter Kindern oder haben Kompetenzen in dem Bereich.
Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir uns bewusst machen, welch tiefgreifenden Einfluss Eltern auf das Leben ihrer Kinder haben. Ja, diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein. Besonders dann, wenn man es gut gemeint und dennoch Verletzungen verursacht hat. Doch es geht nicht darum, Eltern zu verurteilen, sondern Verantwortung zu übernehmen. Man kann sich entschuldigen, lernen, wachsen und als Eltern wie auch als Gesellschaft darauf hinarbeiten, es künftig besser zu machen. Das Hoffnungsvolle daran ist: Veränderung ist möglich. Unser Gehirn ist plastisch, und neue, verlässliche und positive Beziehungserfahrungen können alte Muster abschwächen und verändern. Auch die Epigenetik zeigt, dass Erfahrungen Prozesse beeinflussen können. Nicht jede frühe Verletzung lässt sich vollständig rückgängig machen aber Heilung, Entwicklung und neue Wege sind möglich.
PS: Ich bin gespannt ob noch jemand Anderl für ihren Sager kritisiert.
Referenzen:
-Melamed, D.M., Botting, J., Lofthouse, K. et al. The Relationship Between Negative Self-Concept, Trauma, and Maltreatment in Children and Adolescents: A Meta-Analysis. Clin Child Fam Psychol Rev 27, 220–234 (2024). https://doi.org/10.1007/s10567-024-00472-9
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